Zwischen der Linse des Fotoapparates und den Personen und Objekten, die für ein Bild festgehalten werden sollen, gibt es keine direkte Verbindung. Immer kommt ein
zusätzliches Medium hinzu, dass sich zwischen die Linse und ihr Gegenüber schiebt. Dies können Oberflächen sein, in denen sich das zu Fotografierende reflektiert, oder dann transparente
Materialien wie Gläser, Teller oder Scheiben, die auf diese Weise dem Effekt von Filtern gleichkommen.
Durch diese Form des Fotografierens verlieren die Dinge ihre quasi vertraute Wirklichkeit. Sie können nicht mehr direkt wahrgenommen werden, da ein dazwischen liegendes Medium ihre
Erscheinungsweise bestimmt - manchmal massgebend, manchmal auch versteckter. So entstehen oft irritierende Ansichten, die der alltäglichen Wahrnehmung widersprechen. Ursprüngliches Motiv und
dazwischen liegendes Medium vermischen sich zu einem untrennbaren wie fiktiven Ganzen.
Neben dem eigentlichen Motiv rückt also immer auch das dazwischen liegende Medium selbst ins Blickfeld der Betrachtung, ohne dass es aber als etwas für sich Bestehendes identifizierbar wäre. Es tritt nie in seiner eigenständigen Form in Erscheinung, sondern wirkt durchgehend indirekt durch seine materielle Beschaffenheit, die das Motiv des Bildes modifiziert.
Dazu der Philosoph Hans Heinz Holz: "Jede modifizierende Abbildung von Wirklichem ist verfremdend, denn sie zeigt den Erfahrungsgegenstand in anderer Weise, als wir ihn zu erfahren gewöhnt sind. Indem sie ihn in einem neuen Licht zeigt, so wie er auf den Rezipienten fremd wirkt, aber doch vergleichbar mit der gewohnten Auffassung, zeigt sie Möglichkeiten, die in seiner vertrauten Erscheinung verdeckt sind. Verfremdende Kunst fasst die Welt als eine voller unverwirklichter Möglichkeiten und damit als mögliches Feld der Verwirklichung von Möglichkeiten durch unser Tun oder Zutun." (in: Hans Heinz Holz, Der ästhetische Gegenstand, Philosophische Theorie der bildenden Künste 1, Aisthesis Verlag, Bielefeld, 1996)